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Unterstützung gefordert

Expertinnen fordern mehr Unterstützung für von psychischer Gewalt betroffene Frauen mit Flucht- und Migrationsbiographie

Anlässlich des Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November hatte der Dachverband der Migrantinnenorganisationen – DaMigra e.V. im Rahmen seines Projektes MUT-Macherinnen* am 27.11.2020 zu einer Online-Gesprächsrunde „Doch psychische Gewalt! Gewalterfahrungen von Frauen* mit Flucht- und Migrationsbiographie klar benennen und konsequent bekämpfen“ eingeladen. Im Mittelpunkt des Gespräches mit Diplom-Pädagogin Emine Can und der Berliner Rechtsanwältin Wiebke Wildvang stand das Erleben psychischer Gewalt und Handlungsmöglichkeiten für betroffene Frauen mit Migrations- und Fluchtbiographie. Moderiert wurde das Online-Gespräch von Karina Villavicencio, Frauenaktivistin und Zephir-Mitarbeiterin im Projekt „Frauencafé Berlin Global“.

Psychische Gewalt entsteht ebenso wie physische Gewalt im häuslichen Umfeld. Drohungen, Beleidigungen, Demütigungen, Einschüchterungen durch den Partner gehören dazu. Aber auch durch geschlechtsspezifische Diskriminierung und strukturell-institutionellen Rassismus sind Frauen mit Migrations- und Fluchtbiographie besonders häufig betroffen. Die Beweislage ist schwierig, die schweren seelischen Verletzungen sind auf den ersten Blick oft nicht erkennbar sind. Manchen betroffenen Frauen ist nicht bewusst, was psychische Gewalt überhaupt bedeutet. Hilflos und alleingelassen verharren sie weiter in der Gewaltbeziehung oft aus Angst, ihren Aufenthaltstitel zu verlieren.

Untergebracht in Gemeinschaftsunterkünften – nicht selten gemeinsam mit dem Täter – finden sind weder Zugang zu speziellen Beratungsangeboten oder Rechtsberatung, noch zur Polizei oder gar zu einer weniger bedrohlichen Wohnsituation. Sprachbarrieren und fehlende Informationsmöglichkeiten spielen hier eine große Rolle. Die Folgen sind depressive Gedanken, Ängste, Schlafstörungen, Essstörungen bis hin zu Selbstverletzungen und sogar Suizidgedanken. Spezielle Therapieangebote sind nur schwer zu finden.

Doch all dies wird von den politisch Verantwortlichen unterschätzt und in der Öffentlichkeit bisher kaum thematisiert. Auf europäischer Ebene wurden in der Istanbul-Konvention (u.a. Art. 33 und 34) bereits 2011 umfassende Verpflichtungen zur Prävention und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, häuslicher Gewalt, den Opferschutz und zur Bestrafung der TäterInnen festgelegt. Passiert ist seitdem aber noch zu wenig.

DaMigra e.V. hat als Mitglied des Bündnisses Istanbul-Konvention (BIK) gemeinsam mit Expertinnen aus migrations- und gleichstellungspolitischem Kontexten einen Schattenbericht zur Umsetzung der Istanbul-Konvention erstellt https://www.damigra.de/publikationen/. Der Bericht aus der Sicht von Migrantinnen und Frauen mit Migrations- und Fluchtgeschichte zeigt sehr deutlich die Hürden und die Benachteiligung der Migrantinnen bei Gewaltschutz, Prävention und Strafverfolgung.

Die Expertinnen der Diskussionsrunde fordern deshalb:

  • Spezielle Weiterbildung und Schulung von Fachkräften, die mit Migrantinnen und geflüchteten Frauen in Berührung kommen, dazu gehören auch die Polizei und die Schulen.
  • Leichte Sprache für Informationen, ÜbersetzerInnnen in Beratungsstellen zur Überwindung der Sprachbarrieren
  • Festigung der Hilfsstrukturen: Kontinuität, Langfristigkeit und Ausbau von Frauenprojekten, die gezielte Unterstützung anbieten.
  • Umfassende psychosoziale und rechtliche Beratung (nicht jede Form psychischer Gewalt ist strafbar)
  • Schutz für die betroffenen Frauen, u.a. durch das Angebot von geeigneten Unterkünften
  • Aufbau von Gruppenangeboten im geschützten Rahmen zur Förderung von Selbstbewusstsein und Erfahrung von Selbstwirksamkeit

Kontakt und Hilfe für betroffene Frauen

Betroffene Frauen mit Migrations- und Fluchtbiographie können sich wenden an:

Emine Can, Tel.: 030 – 692 39 56
Türkischer Frauenverein Berlin e. V., Jahnstraße 3, 10967 Berlin
https://www.tuerkischerfrauenverein-berlin.de/

Wiebke Wildvang, Tel.: 030 – 611 03 01, wildvang@big-koordinierung.de
https://www.big-berlin.info/

Hilfe Telefon, Tel. 08000-116016
Beratung in 17 Sprachen und rund um die Uhr
https://www.hilfetelefon.de/

Weitere Informationen:

Kurzbiographien der Referentinnen

Emine Can
Emine Can ist Diplom-Pädagogin mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik. Sie selbst bezeichnet sich als Mensch mit doppeltem Migrationshintergrund: Ihre Großeltern sind aus Makedonien in die Türkei und danach nach Deutschland ausgewandert. Sie arbeitet seit 2002 beim Türkischen Frauenverein Berlin e. V. und war dort ehrenamtliches Vorstandsmitglied. Ihr Schwerpunkt ist die soziale- psychosoziale Beratung für Frauen und Mädchen mit Migrationsgeschichte.

Wiebke Wildvang
Wiebke Wildvang ist seit 1997 Rechtsanwältin in Berlin mit dem Tätigkeitsschwerpunkt im Migrations- und Familienrecht. Einer ihrer Arbeitsschwerpunkte liegt in der Beratung und Vertretung von gewaltbetroffenen Frauen im Asylverfahren, Gewaltschutz- und
kindschaftsrechtlichen Verfahren. Seit 2011 ist sie außerdem nebenberuflich bei der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen als Juristin in der Koordinierungsstelle tätig.

Karina Villavicencio
Künstlerin, Feministin und Aktivistin (NiUnaMenos – Berlin #Keine einzige weniger, Bewegung gegen feminizide und sexualisierte Gewalt). Sie organisiert regelmäßig Frauenstammtische aus intersektionaler migrantischer Perspektive in Berlin und ist seit Januar 2020 tätig als Projektmitarbeiterin beim Frauencafé Berlin Global von Zephir gGmbH.

Zum Veranstalter:

DaMigra e.V. https://www.damigra.de/
Der Dachverband der Migrantinnenorganisationen – DaMigra e.V. – agiert seit 2014 als bundesweiter herkunftsunabhängiger und frauenspezifischer Dachverband von Migrantinnenorganisationen. Das Leitmotiv und zentrale Ziel ist Empowerment, was die gleichberechtigte politische, soziale, berufliche und kulturelle Teilhabe von Migrantinnen* am gesellschaftlichen Leben in Deutschland einschließt.

Weitere Informationen zum Frauencafé Berlin Global unter https://www.zephir-ggmbh.de/unterstuetzung-fuer-migranten/frauencafe-fuer-migrantinnen/